Laura: Willkommen in Saraguro

Die Tatsache, dass mein Kalenderkreuzchen schon auf gutem Wege ist die Novemberzeile zu erreichen, hat mich tatsächlich ein wenig überrascht. Als mir daraufhin jedoch klar wurde, dass meine 12 Monate Freiwilligendienst sich schon auf 10 dezimiert haben, bekam ich das Gefühl, dass ein ganzes Jahr doch recht schnell vorbei gehen könnte. In der Zeit, in der ich nun schon hier in Saraguro lebe, durfte ich auch schon viel erleben. Besonders im Gedächtnis erhalten bleiben wird mir wohl der Abend meiner Ankunft in meiner Gastfamilie.

Kaum angekommen wurde ich auch schon eingeladen, sie auf ein Familienfest zu begleiten, wobei ich einige festliche Traditionen kennen lernte. So durfte ich vom Kochen einer Hühnersuppe über das Braten von Meerschweinchen bis hin zur Zubereitung eines ganzen gegrillten Schweines allem beiwohnen, was ein gelungenes traditionelles Fest in Saraguro ausmacht. Nicht ohne grobe Handarbeit ging dabei die Verteilung des Schweines von statten. Nach dem Festschmaus, der Verköstigung eines typischen Getränkes aus fermentiertem Mais (Chicha) und einigen Reden, trat auch noch eine dorfeigene Band auf. Bei bester Stimmung wurde noch bis in die Morgenstunden das Tanzbein geschwungen. Als ich an den folgenden Tagen meine neue Heimat auch bei Tageslicht in Augenschein nehmen konnte, fiel mir vor allem die wunderschöne Natur auf, die mich umgab. Eingebettet in saftig grüne Hügellandschaften liegt die comunidad Las Lagunas, in der meine Gastfamilie und ich wohnen. Wie viele andere comunidades gehört Las Lagunas zu der Stadt Saraguro, dessen Zentrum in etwa 25 Minuten Fußmarsch erreichbar ist. Hier, abseits des etwas wuseligeren Zentrums, herrscht eine ruhige und friedliche Atmosphäre. Die meisten Häuser werden aus einem Gemisch aus Lehm und Gräsern konstruiert, es wird Obst und Gemüse angebaut und ein paar Kühe oder Schafe gehalten. Noch öfter als im Stadtzentrum wird die traditionelle Tracht der Saraguros  auch im Alltag getragen. Besonders gut gefällt mir natürlich die Kleidung der Frauen. Diese besteht zum Einen aus einem schwarzen Unterrock mit bunt bestickter Borte und einem aus Schafwolle gefertigten Überrock, der mit einem ebenfalls kunstvoll bestickten Band zusammen gehalten wird. Zum anderen aus einer je nach Geschmack verzierten Bluse und einer bunten Perlenkette. Teilweise bedeckt wird das Oberteil von einem Stoff aus Schafswolle, der von einer Silbernadel zusammengehalten wird und mich immer ein bisschen an einen zu kurz geratenen Zaubererumhang erinnert. Nicht zu vergessen sind natürlich der weiße Hut mit schwarzen Punkten, sowie auch die komplizierten Flechtfrisuren. Diese werden hier nicht nur von der weiblichen, sondern auch von der männlichen Bevölkerung getragen. Die Tracht der Männer besteht aus einer wadenlangen schwarzen Hose, einem weißen Hemd und einem Poncho, der manchmal mit einem Ledergürtel zusammengehalten wird. Unverzichtbar ist natürlich auch hier der Hut.

Während der Zeit, die ich bis jetzt hier lebe, habe ich den Eindruck erhalten, dass die Saraguros sehr stolz sind auf ihre andinen Traditionen und diese auf alle Fälle aufrecht erhalten wollen. Dazu gehört sowohl die Tracht, die Musik und das Essen, als auch die naturverbundene Lebensweise. Diese zeigt sich immer wieder zum Beispiel in verschiedenen Ritualen, den Naturheilmitteln und den andinen Anbaumethoden. Sehr wichtig ist natürlich auch die Sprache Kichwa. Eine meiner Meinung nach wunderschön und geheimnisvoll klingende Sprache, deren Grammatik und Wortlaut jedoch so sehr von allen mir bekannten Sprachen abweichen. Leider hat sich nun auch der einzige Sprachkurs in Saraguro aufgelöst, sodass es wirklich schwer ist Kichwa zu erlernen. Bis jetzt kann ich nur ein paar Begrüßungsfloskeln sprechen. Ab und zu gelingt es mir auch mir ein Wort merken, dass ich bei meiner Arbeit in der Schule aufschnappe. Das Centro Educativo Bilingüe Inti Raymi ist eine bilinguale Schule in der auch Kichwa unterrichtet und in den Schulalltag integriert wird. Auch werden viele kulturelle Projekte geplant und Schüler wie Lehrer tragen die Tracht als Schuluniform. Praktischerweise liegt die Schule direkt neben dem Haus meiner Familie, sodass sich mein Schulweg auf 10 Sekunden beschränkt. Mit meinen Kollegen Zoila und Samuel arbeite ich mit den jüngsten Schülern zusammen. Das sind etwa 35 Kinder im Alter von 3-5 Jahren, die sehr aufgeweckt und lebensfroh sind. Ich bin wirklich froh, in Inti Raymi arbeiten zu dürfen. Das Verhältnis der Schüler und Lehrer ist sehr freundschaftlich. So nennen sich Schüler und Lehrer gegenseitig “Mashi”, was Freund auf Kichwa bedeutet. Die Eltern sind verantwortlich für die Essenversorgung und auch das Verhältnis der Lehrer untereinander ist sehr kollegial und freundschaftlich. Nicht zu unrecht hat mir die Direktorin die Schule als Familie beschrieben. Auch durfte ich schon verschiedene Rituale, beispielsweise beim Elternabend oder den Lehrerkonferenzen, miterleben. Besonders in Erinnerung bleiben wird mir das Fest Kulla Raymi, das Mitte September statt fand. An jenem Tag sind wir mit den älteren Schülern und einem Festumzug mit Musikanten in eine der kleineren comunidades von Saraguro gewandert. Da ausgerechnet an diesem Tag die Sonne unerbittlich vom Himmel gebrannt hat, waren wir alle schon recht malad als wir am Zielort ankamen. Als dann beim Begrüβungsritual die Luft noch von allerlei Räucherwerk durchflutet wurde, hat sich mein Kreislauf kurzzeitig gänzlich verabschiedet. Da ich jedoch sofort von allen Seiten mit Wasser, Kopfmassage und einem Heilwässerchen versorgt wurde, konnte ich das Fest im Nu wieder in vollen Zügen genießen. Dies bedeutete ein mehrstündiges Festessen inklusive der symbolischen Übergabe von Unmengen an mitgebrachtem Essen an den Bürgermeister von Saraguro. All diese Feste und Rituale führen mir immer wieder vor Augen, dass es eine unglaubliches Privileg ist, meinen Freiwilligendienst hier leisten zu dürfen. Auch wenn, oder gerade weil es auch eine Herausforderung ist sich an all dies zu gewöhnen. Es fällt mir schwer das Leben hier zu beschreiben, dass sich in so vielen Dingen von dem unterscheidet was ich aus Deutschland gewohnt war. Ein Satz jedoch, den mein Gastvater einmal gesagt hat und der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht, scheint mir sehr eine sehr passende Beschreibung zu sein :“ la vida es más puro.“.

Liebe Grüße aus Saraguro und bis bald,

Laura

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